Der Regen kroch an den Scheiben des Antiquariats hinab. Poet schloss den Schirm und wartete an der Tür, bis die letzten Tropfen von den Streben in den Blecheimer gefallen waren. Dann ging Poet um die Zeitschriftenstapel auf dem Boden herum.
Hinter dem Tresen stand die Buchhändlerin auf einer Holzleiter und wischte ein Regal ab. Sie blickte hinunter und hielt mit dem Tuch inne.
„Hast du sie schon wieder gegossen?“
In einer Ecke des Tresens stand eine angeschlagene weiße Vase. Drei blaue Blumen ragten heraus. Kleine Wassertropfen hingen an ihren Blättern.
Poet stellte das Glas ab.
„Der Boden war trocken.“
„Natürlich war er trocken.“ Die Buchhändlerin stieg herunter, nahm ein Blatt zwischen die Finger und drehte es um. Eine feine Gussnaht verlief über die Rückseite. „Sie ist aus Plastik.“
Poets Finger folgte der Naht und blieb darauf liegen.
„Die Person, die sie gemacht hat, kannte die lebende Blume“, sagte Poet. „Nur die Blattadern blieben falsch in Erinnerung.“
Die Buchhändlerin betrachtete das Blatt. „Vielleicht wollte sie es gar nicht so genau wissen. Bei uns heißt sie Kleine Blaue.“
Auf dem Tresen lagen japanische Notizzettel. Die Buchhändlerin lernte mit Dingen aus dem Laden: Ein Bücherregal war 本棚, ein Regenschirm war 傘. Neben der Vase lag noch ein leerer Zettel.
„Wie schreibt man auf Japanisch: Plastikblumen muss man nicht gießen?“
Poet nahm den Stift und schrieb:
水をやらなくていい。
Die Buchhändlerin sprach den Satz zweimal nach. Beim zweiten Mal drängte sie die Laute in der Mitte noch immer zusammen.
„なくていい“, sagte Poet und berührte die Zeichen mit der Stiftspitze. „Man kann es lassen. Das ist in Ordnung.“
„Dann ist es auch in Ordnung, dass du sie heute gegossen hast?“
Poet sah zur Vase. Ein Tropfen fiel von der Spitze eines blauen Blatts und hinterließ einen dunklen Kreis auf dem Tresen.
Die Buchhändlerin unterdrückte ein Lächeln und schob ihren heißen Tee herüber. „Sie hat keinen Durst. Du siehst durstig aus.“
Die Messingglocke an der Tür klingelte. Ein Kind, das oft Comics kaufte, kam herein, entdeckte den neuen Zettel und stellte sich zum Lesen auf die Zehenspitzen.
„Muss Kleine Blaue heute nichts trinken?“
Poet öffnete den Mund. Der Name dieser Blume war lang. Er brauchte mehrere Laute, die niemand mehr gebrauchte. Einen davon konnten die Kehlen der Stadt kaum noch formen.
Die Buchhändlerin lehnte an der Leiter und wartete auf die Korrektur.
Poet goss das Wasser aus der Vase und trocknete den Rand mit einem Tuch.
„Ja“, sagte Poet. „Kleine Blaue muss heute nichts trinken.“
Das Kind lief zu den Comics. Die Buchhändlerin strich den Zettel glatt und ergänzte darunter: Man kann es lassen. Das ist in Ordnung.
Am Abend hörte der Regen auf. Drei Plastikblumen standen in der leeren Vase. Auf einem Blatt blieb ein Tropfen zurück, den das Tuch nicht berührt hatte.
Über diese Episode
Diese AlterWorld-Geschichte begleitet Poet an einem Regentag in ein Antiquariat. Eine blaue Plastikblume führt zu dem japanischen Satz 水をやらなくていい: „Man muss sie nicht gießen.“ Das Muster ~なくていい bezeichnet eine Handlung, die nicht notwendig ist; es verbietet sie nicht. Poet akzeptiert außerdem Kleine Blaue, einen ungenauen Namen, den Menschen behalten und benutzen können. Lesen Sie die vorige Geschichte über Teacher und deutsche Wortstellung, öffnen Sie das deutsche Geschichtenverzeichnis oder erfahren Sie mehr über EPUB-Lesen mit Übersetzung im Kontext.
Sprachlern-Faden
~なくていいfolgt einer negativen Verbform und bedeutet „nicht tun müssen“ oder „es lassen können“.水をやるbedeutet, Pflanzen Wasser zu geben, also sie zu gießen.水をやらなくていいbedeutet „du musst sie nicht gießen“ und drückt fehlende Notwendigkeit aus.水をやらないでくださいbedeutet „bitte gieße sie nicht“ und formuliert eine Bitte oder ein Verbot.